Lecture 26.08.2019

In der deutsch-polnischen Beziehung eine Achse von Zusammenarbeit und Konflikten.

Zur Fortsetzung der Adalbert-Lectures in Berlin

Prof. Dr. Hans Hermann Henrix und Dr. Stefan Szwed


Die Adalbert-Stiftung setzte die Reihe der „Adalbert-Lectures“ im Haus der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen in Berlin erfolgreich fort. Sie hatte zum Thema „Deutsch-polnische Beziehungen heute – im Licht der deutschen Wiedervereinigung“ einen Wissenschaftler aus Oxford als Gastredner gewinnen können. Dr. Stefan Szwed vom Zentrum für Internationalen Studien der Universität Oxford gab nach den Begrüßungen durch Dr. Sebastian Gröning-von Thüna für das Haus der NRW-Vertretung und durch Dr. Dieter Gobbers für den Vorstand der Adalbert-Stiftung eine vielseitige und kritische Analyse und Einschätzung dieser Beziehungen.

Der Referent ortete seine Sicht mit einem allgemeinen Befund: „Wir befinden uns in einer kritischen Zeit – für ganz Europa. Es hat einen Paradigmenwechsel nach Ende des Kalten Krieges gegeben. Das wiedvereinigte Deutschland ist ein Land, das im Osten wie im Westen verankert ist. Der Kalender des gegenwärtigen Jahres weist eine Vielzahl von geschichtlich bedeutsamen Jahresdaten auf: 80 Jahre seit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, 75 Jahre nach dem Warschauer Aufstand, 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, 20 Jahre Mitgliedschaft Polens in der NATO“.

Ist das Wort von der „neuen Fremdheit“ zwischen Polen und Deutschland ein Missverständnis? Nach 30 Jahren erwarte man eine stete Verbesserung der Beziehung, ist doch mit der Wiedervereinigung ein neues Haus entstanden. „Und doch herrschen Divergenzen vor. Außenpolitisch stehen für diese Divergenzen die Ostpipeline Nord Stream 2 und die konfliktbelasteten Beziehungen zu Russland wie aber auch die polnische Ablehnung von Immigranten-Quoten.“ Deutschland und Polen sind in internationalen Fragen oft uneinig. Und auch die Differenzen im bilateralen Verhältnis sind nicht zu übersehen. Es gebe keine gemeinsame Botschaft von Polen und Deutschland an den Osten Europas. „Die Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern seit dem Kalten Krieg ist von einer Achse zwischen wachsender Zusammenarbeit und hartnäckigem Fortbestehen von Konflikten bestimmt.“ Dennoch ist eine Reihe von Errungenschaften beeindruckend. Seit dem Beitritt Polens in die EU ist Deutschland für Polen zum wichtigsten Handelspartner geworden. Die Zahl der Polen, die Deutschland ablehnen, ist deutlich gesunken. Um dieses Kapital für die weitere polnisch-deutsche Beziehung zu nutzen, nannte der Referent zwei wesentliche Aufgaben: „Wir müssen uns bemühen, die Wurzeln der Differenzen und Asymmetrien zwischen unseren Ländern zu erkennen und besser mit ihnen umzugehen. Und: das Wissen über den anderen ist auf beiden Seiten zu verbessern. Dies trägt zum Eingehen von Kompromissen bei.“

In der Diskussion unter der Moderation von Prof. Hans Hermann Henrix, Vorstandsmitglied der Adalbert-Stiftung, ergab sich eine Diskussion mit zustimmenden wie auch kritischen Voten zum Referat. Es wurde aber auch das Themenspektrum der deutsch-polnischen Beziehung erweitert. So erinnerte ein Gast an das politische Wirken des Historikers und Publizisten Władysław Bartoszewski (1922-2015), der als Botschafter seines Landes wie auch als mehrjähriger Außenminister Polens auf die Normalität der Beziehung zwischen den Menschen setzte und die Stärkung der Zivilgesellschaft anzielte. „Es war sein Kummer, dass nur 30 Prozent der Deutschen Polen sympathisch finden.“ Dr. Szwed stimmte dieser Würdigung des Wirkens von Prof. Bartoszewski zu. Dr. Gobbers unterstrich dies und stellte fest, dass durch das Wirken von Bartoszewski, der 2007 den Adalbert-Preis erhalten hatte, die deutsch-polnische Freundschaft vertieft werden konnte. Erstaunlicherweise sei der deutsch-polnische Jugendaustausch intensiver geworden als der Jahrzehnte lang führende deutsch-französische Jugendaustausch. Dr. Szwed erinnerte an den Kummer von Bartoszewski, dass nur ein Drittel der Deutschen Polen sympathisch finde, und fragte kritisch: „Und was ist mit den beiden Dritteln der Deutschen, die Polen nicht sympathisch finden?“ Zugleich wies er auf eine Rede des deutschen Außenministers Heiko Maas vom 1. August hin, wo dieser bei einem Gedenkakt zum 75. Jahrestag des Warschauer Aufstands in Warschau u.a. sagte: „Die Verbrechen, die vor 75 Jahren von Deutschen und im deutschen Namen dieser Stadt und ihren Bewohnern angetan wurden, sind kaum in Worte zu fassen. Deutschland trägt die Verantwortung für dieses Verbrechen.“ Es habe in Polen besonderen Eindruck hinterlassen – so Dr. Szwed –, als der deutsche Außenminister fortfuhr: „Ich bin hierhergekommen, weil ich die Toten ehren und die Familien der Toten und Verletzten, weil ich das polnische Volk um Vergebung bitten möchte. Ich schäme mich für das, was Ihrem Land von Deutschen und in deutschem Namen angetan wurde.“ Den Hinweis auf die Rede des deutschen Außenministers ergänzte der Moderator dahin, dass Minister Maas sein eindrückliches Bekenntnis mit einer Vergegenwärtigung positiver Seiten in der deutsch-polnischen Beziehung verknüpfte.

Professor Henrix dankte Dr. Szwed für sein Referat wie auch sein Eingehen auf die vorgetragenen und durchaus auch kritischen Anfragen. Mit dem Dank an das Haus der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen lud er zum anschließenden Empfang ein, bei dem engagiert weiter diskutiert wurde. Die Adalbert-Lectures werden am 12. November 2019 fortgesetzt. Prof. Gesine Schwan, mehrjährige Polen-Beauftragte der Bundesregierung, wird über Wege der Verständigung und Möglichkeiten der Zusammenarbeit im deutsch-polnischen Verhältnis sprechen. Die Veranstaltung wird im Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer stattfinden.